Die Sprache des Babys

 

Das Weinen eines Babys ist seine Sprache. Es ist der Weg des Babys zu sagen: "Irgendetwas stimmt nicht, bitte mach das richtig!" Das Weinen des Babys ist dazu gemacht, ihm beim Überleben zu helfen, indem es die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf seine Bedürfnisse lenkt. (Und wir wollen, das unsere Babys nicht nur überleben, sondern gut gedeihen!) Forscher, die das Weinen von Babys erforscht haben, betrachten es als das perfekte Signal: störend genug, um Aufmerksamkeit zu bekommen, aber nicht so störend, das die Eltern eher flüchten wollen, statt zu antworten. Weinen ist der Weg, auf dem das Baby seine Elternnahe bei sich und in Verbindung hält. Antwortet mit eurem Ohr und mit eurem Herzen auf das Weinen eures Babys.

 

Babys hören für gewöhnlich auf zu weinen, wenn ihre Eltern antworten. Das ist ein weiteres bindungsbildendes Merkmal des Weinens. Wenn ihr, durch eure Anwesenheit, eure Arme und eure Fürsorge die Ängste eures Babys beruhigen könnt, fühlt ihr euch und eurem Baby gegenüber besser. Je öfter ihr antwortet, desto besser werdet ihr darin, die Signale eures Babys richtig zu deuten und desto verbundener fühlt ihr euch mit ihm. Babys weinen überall auf er Welt, aber die Sensibilität des elterlichen Zuhörens ist individuell, so wie auch die Intensität des Weinens von Baby zu Baby unterschiedlich ist. 

 

Angemessenes Antworten auf das Weinen ist nicht immer leicht. Es kann doch ziemlich frustrierend sein, vor allem in den ersten Wochen, wenn ihr noch damit kämpft, die Sprache eures Babys zu lernen und die Signalfähigkeit eures Babys noch unorganisiert ist. Haltet durch und antwortet weiter! Euer Umgang mit dem Weinen eures Babys kann ihm beibringen, weniger zu weinen und weniger störend zu weinen. Wenn baby und eltern ihre Signale und Antworten in den ersten Monaten mehrere hundert Male geübt haben, lernen Babys, bessere Signale zu geben. Ihr Weinen wird weniger störend und dafür kommunikativer. Es ist, als hätte das Baby gelernt, besser zu reden. Und ihr lernt angemessener zu antworten; schließlich wisst ihr irgendwann, wann und wie schnell ihr ja oder nein sagen müsst. Mit der zeit wird euer Baby zu gut im Signalgeben und ihr so gut im Verstehen seiner Signale, dass ihr beide mit minimalem Weinen kommunizieren könnt. 


Dr. med. William Sears, Kinderarzt, Kalifornien

 

"Wenn Sie auf das Schreien des Kindes nicht reagieren, wenden Sie folgendes Prinzip aus der Lerntheorie an: Ein Verhalten, das nicht verstärkt wird, hört bald auf. Diesen Ansatz finde ich aus zwei Gründen problematisch: Erstens geht er davon aus, dass das Schreien des Kindes ein negatives Verhalten ist, das eliminiert werden sollte - eine völlig falsche Annahme. Zweitens kann er eine schädliche Wirkung auf das sich entwickelnde Selbstwertgefühl des Kindes haben. Wenn ein Baby schreit und niemand hört darauf, so wird es weniger motiviert sein zu schreien - was zur Annahme führen kann, dass diese Methode tatsächlich nützt. (...) Wenn das Baby das Vertrauen in seine Kommuni- kationsfähigkeit verliert, verliert es auch das Vertrauen darauf, dass seine Bezugsperson auf es eingeht. Das Schreienlassen hat zwar vielleicht kurzfristigen Erfolg, indem das Baby tatsächlich weniger schreit, es bringt langfristig jedoch Nachteile - es ist also meiner Meinung nach kein weiser Entscheid. Befürworter der harten Methode brin- gen oft als weiteres Argument, das Baby müsse lernen zu schlafen. Mit dem Nichtreagieren auf das Weinen lehren Sie aber das Kind nicht zu schla- fen, sondern Sie bringen ihm nur bei, dass sein Weinen keinen Kommunikationswert hat. Wenn darauf nicht reagiert wird, schläft es zwar vielleicht von al- lein wieder ein, doch ist dies nur ein Rückzug der Enttäuschung darüber, dass sein Signal nicht beachtet wird - es gibt auf. Ich habe grosse Mühe mit dieser Haltung: Das ist nächtliche Dressur, nicht nächtliche Kinderbetreuung. Wir können Haustiere dressieren, nicht aber Kinder."

Sears 2005: 82/83